
Uferschnepfen (Limosa limosa)
Für den Menschen war der Vogelzug von jeher die faszinierendste Seite des Vogellebens. Lange Zeit beruhte die Beschäftigung mit diesem Naturphänomen eher auf wilden Spekulationen und auf der Wiedergabe kaum hinterfragter Geschichten. Selbst Aristoteles, geistiger Vater aller naturwissenschaftlich-kritischen Beobachtungen, vertrat Ansichten wie etwa die, dass Gartenrotschwänze, wenn sie im Winter verschwinden, sich in Rotkehlchen verwandeln würden.

Wesentliche Fortschritte brachte die Erfindung der wissenschaftlichen Vogelberingung. Sie geht auf Hans Mortensen, den dänischen Schullehrer zurück: er war der erste, der um 1890 Vögeln leichte Metallringe ums Bein legte, die mit einer Nummer und einer Rückmeldeadresse versehen waren. Dadurch konnten erstmals verlässliche Aufschlüsse über das Woher und Wohin der Vögel gewonnen werden.
Die Methoden des schonenden Vogelfangs, der Beringung und Markierung sowie der Auswertung der Ergebnisse haben im Verlauf der letzen 100 Jahre eine unwahrscheinliche Verfeinerung erfahren. Allein die Zahl der seit 1890 weltweit beringten Vögel ist mit 55 bis 60 Millionen Individuen enorm, die daraus gewonnen Erkenntnisse unschätzbar. Ein komplexes Netzwerk internationaler Abstimmung, Anpassung und Zusammenarbeit unter den Forschern bildet die unverzichtbare Voraussetzung für den Erfolg der Vogelberingung.
Der Vogelzug entstand nicht durch das Einwirken eines Faktors, sondern ist das Ergebnis der komplexen Wirkung mehrerer Ursachen: Nahrung ist nicht immer überall im gleichen, nötigen Ausmaß verfügbar. Aber dort, wo es ein großes Nahrungsangebot im Sommer gibt, können die Vögel nicht überwintern; den Winter in Europa zu verbringen, kann riskanter sein als nach Ostafrika zu ziehen.
Die Vögel haben ihre "große Erfindung" in der Evolutionsgeschichte - die Fähigkeit zum aktiven Flug - nicht nur zur Eroberung aller Kontinente und Meere benutzt, sondern auch zur Entwicklung eines Systems von Wanderungen, das es ihnen erlaubt, den räumlich-zeitlichen Schwankungen der Biomasseproduktion zu folgen. Sie sind einfach immer dort, wo es sich gerade am angenehmsten lebt.
Die Biomasseproduktion auf der Erde verteilt sich sehr ungleichmäßig und findet zu sehr unterschiedlichen Zeiten statt. Durch ihre Wanderungen können sich Vögel die Produktivitätsspitzen in weit auseinander liegenden Gebieten zunutze machen.
1. Zugvögel des Neusiedler See - Gebietes sind Vögel, die im Sommer hier brüten, aber in großer Regelmäßigkeit alljährlich für eine gewisse Zeit ihr Brutgebiet verlassen und in oft weit entfernte Länder mit günstigerem Klima fliegen (Sommervögel).

Karte Zugwege
- Die Ostatlantikroute, in der sich Vögel aus Europa, Sibirien, Grönland und Ostkanada treffen, um entlang der Westküsten des europäischen und afrikanischen Kontinents zu überwintern. Die Vögel nützen den kürzesten Weg beim Überqueren des Mittelmeers: aus eher östlich gelegenen Brutgebieten den Bosporus, aus westeuropäischen Ländern kommend Gibraltar. Der Naturraum Neusiedler See wird von beiden europäischen Hauptzugwegen tangiert.
- Die zentralasiatische Zugroute - dieser Bereich ist mit dem Indischen Subkontinent durch einen eigenen Zugweg verbunden, der den Himalaya umfließt.
- Die ostasiatisch-indopazifische Zugroute: die Zugstraße in diesem Raum führt von Nordostsibirien bis nach Australien.
Zugstrategien, Invasionen, Fluchtbewegungen, Streubewegungen
Je nach Länge der zurückgelegten Zugstrecke unterscheidet man bei Zugvögeln zwischen Kurz-, Mittel- oder Weitstreckenziehern. Am eindrucksvollsten sind sicherlich die Leistungen der Weitstrecken-zieher. Alle europäischen Vögel, die südlich der Sahara überwintern, gehören zu dieser Kategorie, sie legen Distanzen von mindestens 3.000 km zurück. Sehr oft sind die Strecken aber viel länger.

Sichelstrandläufer (Calidris ferruginea)
Karte der Flugrouten des Sichelstrandläufer
Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris)
Karte der Flugrouten des Sumpfrohrsänger

Seeregenpfeifer (Caradrius alexandrinus)

Feldlerche (Alauda arvensis)
Die Trennlinie zwischen Kurz-, Mittel- oder Weitstreckenzieher verläuft nicht selten innerhalb einer Art. Mäusebussarde ziehen in Mitteleuropa entweder gar nicht oder nur kurze Strecken. Nordskandinavische und russische Mäusebussarde überwintern hingegen in Ost- und Südafrika.

Seidenschwanz (Bombycilla garrulus)
Wenn dort nach einem kalten Sommer die übliche Winternahrung (Ebereschen-Beeren) knapp ist, wandern große Populationsteile nach Süden und Südwesten. Ihr überraschendes und unvorhersagbares Erscheinen wurde früher als Warnung vor Seuchen, Krieg und Teuerung betrachtet. Zwischen Großinvasionen können Jahre und Jahrzehnte vergehen.

Schellente (Bucephala clangula)
Vor allem Jungvögel führen nach dem Selbstständigwerden Wanderbewegungen durch, die nichts mit dem Zug ins Winterquartier zu tun haben: Junge Schilfrohrsänger verlassen im Hochsommer ihren Geburtsort und streifen weit umher - offenbar, um sich nach künftigen Brutplätzen umzusehen. Erst nach dieser "Besichtigungsreise", die über hunderte Kilometer führen kann, treten sie den eigentlichen Herbstzug an.
Wann findet der Vogelzug am Neusiedler See statt?

Kiebitz
(Vanellus vanellus)

Bienenfresser
(Merops apiaster)

Weißstorch
(Ciconia ciconia)

Graugans
(Anser anser)
Eigentlich das ganze Jahr über. Die ersten Brutvögel, die hier schon Anfang Februar ankommen, sind Star, Feldlerche und Kiebitz; die am spätesten (Anfang Mai) ankommenden Arten sind die aus Südafrika heimkehrenden Bienenfresser und aus Südostasien ziehenden Zwerg- schnäpper oder Karmingimpel. Schon im August beginnen die Störche, die Mauersegler oder die Blauracke ihre große Reise nach Süden. Die Graugänse hingegen bleiben bei wärmerem Wetter bis in den Dezember, bevor sie nach Südeuropa ziehen.
Energie: Speichern und Sparen
Zwei Kategorien von Orientierungsleistungen kommen beim Vogelzug in Betracht
Bei der Richtungsorientierung wird ein bestimmter gleichbleibender Winkel zu einer Richtgröße, z.B. der Sonne oder dem Erdmagnetfeld eingehalten. Daraus ergibt sich eine bestimmte Zugrichtung, jedoch kein genaues Ziel. Die Zielfindung ist eine Angelegenheit der Navigation: dabei wird ein räumlich definiertes und bereits bekanntes Ziel angeflogen (zum Beispiel Brutgebiet, Winterquartier).
Die Erde ist ein riesiger Magnet, mit einem magnetischen Süd- und Nordpol, die in der Nähe der geographischen Pole liegen. Die Feldlinien, die die Erde auf der Südhalbkugel verlassen und auf der Nordhalbkugel wieder erreichen, zeigen einen Neigungswinkel, der sich systematisch mit der geographischen Breite ändert: der Winkel beträgt an den Polen 90°, am Äquator 0°. Vögel verwenden zur Orientierung den Neigungswinkel dieser Feldlinien. Es können ihnen aber auch der Sonnenuntergangspunkt, die Sterne, Infraschall und Duftfelder behilflich sein.

Körperfett
Energie zu sparen ist sehr wichtig. Bei nordischen Populationen, die längere Zugwege haben, können wir eine größere Flügelmasse beobachten. Störche, Pelikane oder Greifvögel nützen hingegen die Thermik, um in größere Flughöhen zu kommen.
Forschungsmethoden

Beringung
Neben dieser klassischen Methode gibt es noch die Kombination von farbigen Kunststoffringen, farbigen Plastikhalsbänder. Die Radiotelemetrie hat in den allerletzten Jahren großen Aufschwung erfahren.
Schutz der Zugrouten
In jenen Fällen, wo Vögel durch mehrere Ländern ziehen und in einem weit entfernten Land überwintern, ist Artenschutz nur überregional sinnvoll. Wenn wir den besten Schutz für die Vögel sichern möchten, dann sollte es überall, wo sie am Zug vorkommen, Rast- und Schlafplätze geben.
Allerdings sind die meisten internationalen Vereinbarungen eher Hilfsmaßnahmen, etwa Handelsverbote oder Schutzgebote. Doch auch die Verpflichtung der Staaten, Rast- und Brutgebiete für Wasservögel auszuweisen (RAMSAR-Konvention von 1971), ist ein Erfolg internationaler Naturschutzbemühungen. Das Neusiedler See - Gebiet wurde als erstes und größtes Ramsargebiet Österreichs nominiert.





