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Wasserschwankungen
Nationalpark Naturzone südlicher Neusiedlersee

Der Neusiedler See ist der westlichste Steppensee Europas und zugleich der größte See Österreichs. Der den See umfassende Schilfgürtel stellt mit rund 178 km² den zweitgrößten zusammenhängenden Schilfbestand Europas dar. Die Gesamtfläche des Sees inklusive Schilfgürtel beträgt heute etwa 320 km², davon liegen ca. 4/5 auf österreichischem und 1/5 auf ungarischem Staatsgebiet. Der von Franz Werfel als "Österreichs seltsamer Gast" titulierte See und sein Schilfgürtel stellen für eine Reihe seltener Tierarten einen wichtigen Lebensraum dar.


Noch während der Würm-Eiszeit (etwa 115.000 - 10.000 Jahre vor heute) lag das Gebiet im und um den Neusiedler See höher, etwa auf dem Niveau der Parndorfer Platte. Die Seebildung begann erst vor rund 13.000 Jahren durch tektonische Bewegungen.



 Kartenausschnitt Komitat Moson 1886
Die ersten Absenkungsprozesse ließen eine Wasserfläche im heutigen Hanság entstehen, eine zweite südlich von Neusiedl/See. Die Einsenkung des Südteiles führte schließlich zur Ausgestaltung der gesamten jetzigen Seewanne, hatte aber auch das Einsetzen der Verlandung des seichteren Hanság zur Folge.
Der Neusiedler See ist damit wesentlich jünger als die Alpen- und Voralpenseen, die während der letzten Eiszeit entstanden sind.


Die Grundwasservorkommen im Seewinkel stehen in keinem nennenswerten Zusammenhang mit dem Neusiedler See.
Sogar die rund 47 Mio. Kubikmeter Wasser, die aus oberirdischen Zuflüssen den See speisen, können nur einen kleinen Teil der jährlich verdunstenden Wassermenge ausgleichen.




Einserkanalschleuse beim Mexikopuszta (Fertöujlak)
Der Großteil des Wasserhaushalts des heute 320 km² großen Sees stammt also aus Niederschlägen - was immer wieder zu starken, teils katastrophalen Schwankungen des Seespiegels bis hin zur völligen Austrocknung geführt hat.

Erst seit rund 100 Jahren ist der See über den sogenannten Einserkanal regulierbar, zumindest was das Abwehren von Hochwasserschäden betrifft. Die auf ungarischer Seite liegende, 1992 technisch erneuerte Schleuse kann nicht zur Anhebung des Wasserstands genutzt werden.



Die natürlichen Wasserstandsschwankungen des Neusiedler Sees bewirkten in früherer Zeit sehr unterschiedliche Ausdehnungen. Das Spektrum reicht von völliger Austrocknung bis zu über 500 km² Größe.

Einige Zahlen zur Verdeutlichung der Größe dieses nur rund 1,5 m tiefen Steppensees:



Link: Zwischen Austrocknung und Hochwasser: Die Dynamik des Wasserstands im Neusiedler See




Abwechslungsreiches Lebensraummosaik im Schilfgürtel
Der Schilfgürtel des Neusiedler Sees ist nach dem Donaudelta der zweitgrößte zusammenhängende Schilfbestand Europas. Bis Mitte des 19. Jhdts. war er in der jetzigen Form aber noch nicht vorhanden. Nur im Südosten und im Hanság gab es größere Schilfflächen. Heute umgeben den See rund 178 Quadratkilometer Schilf. Eine Reihe von Niedrigwasserständen nach der Regulierung durch den Einserkanal, aber auch Nährstoffeintrag aus Landwirtschaft und Ortschaften haben das konkurrenzstarke Schilfrohr wachsen lassen.



Trotz der Vorherrschaft von nur einer Pflanzenart ist der Schilfgürtel sehr abwechslungsreich. Kanäle und freie Wasserflächen wechseln mit Schilfbeständen verschiedenen Alters und daher unterschiedlicher Struktur.

Vor Wind geschützt, können in den See eingetragene Nähr- und Schadstoffe hier sedimentieren, der Schilfgürtel dient gewissermaßen als natürliche Kläranlage, organische Abbauprozesse finden statt. Der Wind kann das Wasser nicht ständig aufwirbeln. Daraus erklärt sich auch die bräunliche Wasserfärbung und die im Vergleich zum Freiwasserbereich des Neusiedler Sees hohe Sichttiefe.




Ringelnatter (Natrix natrix)
Insekten und deren Larven wohin man schaut - in der Luft, auf den Schilfpflanzen oder auch in den Pflanzen, an der Wasseroberfläche und unter Wasser. Eine Fülle von Kleinkrebsen, Wasserschnecken und Spinnen. Der Schilfgürtel bietet Lebensraum für eine Unzahl an wirbellosen Tieren.

Diese Tiere und die Vegetation wiederum stehen einer großen Anzahl weiterer Tierarten als Nahrung zur Verfügung. Der Europäische Laubfrosch oder die Rotbauchunke und weitere Amphibienarten besiedeln den Schilfgürtel ebenso wie die Ringelnatter.



Den meisten Fischarten des Neusiedler Sees dient der Schilfgürtel nicht nur als Kinderstube. Hecht, Wels, Kaulbarsch und viele Karpfenartige verbringen hier praktisch ihr gesamtes Leben.

Versteckt im Schilfdickicht finden Zwerg-, Sumpf- und Wasserspitzmaus und die Nordische Wühlmaus, ein Eiszeitrelikt, ideale Lebensbedingungen. Landseitige Schilfbestände bieten Deckung für Reh und Hirsch.




Silberreiher (Casmerodius albus)
Die größte Bedeutung besitzt der Schilfgürtel jedoch für die Vogelwelt. Die Kolonien der großen Schreitvögel (Silber-, Grau-, Purpur-, Nacht- und Seidenreiher sowie Löffler) liegen großteils in der Naturzone des Nationalparks.

Eine Fülle von Singvögeln (Drossel-, Teich-, Schilfrohrsänger, Mariskensänger, Rohrschwirl, Rohrammer, Bartmeise, Blaukehlchen usw.) besiedeln ebenso den Schilfgürtel wie verschiedene Rallen (Bläßhuhn, Wasserralle, Teichhuhn, Kleines Sumpfhuhn und Tüpfelsumpfhuhn).



Weiters spielt der Schilfgürtel als Brutplatz für viele Entenarten eine Rolle. So weist die europaweit gefährdete Moorente hier möglicherweise eine international bedeutende Population auf.
Sicherlich von internationaler Bedeutung sind die Bestände von Mariskensänger, Kleinem Sumpfhuhn und Bartmeise.




Junge Rohrweihen (Circus aeroginosus)
Eine wichtige Funktion erfüllt der Schilfgürtel des Neusiedler Sees als Brutplatz für Graugänse. Mit etwa 400 Brutpaaren findet sich hier der größte Brutbestand Österreichs. Der Neusiedler See beherbergt auch den in Mitteleuropa größten Bestand der ebenfalls im Schilf brütenden Rohrweihe. Über die Bedeutung als Brutplatz spielt der Schilfgürtel auch eine wichtige Rolle als Rast- und Nahrungsplatz für durchziehende und überwinternde Vögel.

Neben den bereits erwähnten typischen Schilfvögeln nutzen auf diese Weise auch eher als Waldvögel bekannte Arten wie Blau- und Kohlmeise, Rotkehlchen und Zilpzalp das reichhaltige Nahrungsangebot. Rauch-, Mehl- und Uferschwalbe jagen im Spätsommer gerne über dem Schilfdickicht. An den Kanälen des Schilfgürtels kann man im Sommer manchmal auch Eisvögel beobachten.